Die Opfer des Systems

Das uns die Wirklichkeit dieser Welt häppchenweise serviert wird ist eigentlich nichts neues. Ebenfalls bekannt ist, dass jedes dieser Häppchen bereits vorgekaut und abgeschmeckt ist – damit es sich leichter schlucken lässt. Größere Brocken dieser Wirklichkeit empfinden sehr viele Menschen als unangenehm und verweigern daher deren Aufnahme. Wie gefährlich die passive Haltung innerhalb eines hoch dynamischen Systems tatsächlich ist, wird in diesem Artikel erklärbärt. Was nun folgt ist unter Umständen schwer verdaulich aber das ist, was ich unter Aufklärung (sich über etwas klar werden, im Klaren sein) verstehe. Ich bitte daher um geistige Disziplin und auch darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Artikel auch außerhalb des Leserkreises dieses Blogs verteilt werden sollte. Die Stammleser mögen darüber befinden.

Um herauszufinden wer zu den Opfern des System zu zählen ist, sollte zuerst der Begriff des Opfers genauer beleuchtet werden. Wikipedia unterteilt diesen Begriff in drei „traditionelle“ Hauptbedeutungen, wobei die dritte Deutung vor dem traditionellen Hintergrund, schon einem Affront gleichkommt – sinniere bitte auch einen Moment über das nebenstehende Bild bei Wikipedia.

Erstens gibt es die religiöse Bedeutung im Sinne des lateinischen Begriffs „sacrificium“, die jedem Gebrauch des Wortes, selbst in ganz anderen Kontexten, noch etwas von einem kultischen Sinn und Zweck anhaften lässt. Dem Prinzip des „do ut des“ folgend sollen numinose Mächte durch die rituelle Darbringung eines Gutes oder einer Leistung positiv beeinflusst werden. In dieser Weise entzog man den Opfergegenstand dem profanen Gebrauch und vernichtete ihn gewöhnlich, etwa durch das Verbrennen der Opfergabe, durch das „Brand- oder Ganzopfer“, ein Holocaustum.

Wir können unsere Gesellschaft durchaus als religiös geprägt bezeichnen. Auch wenn das gerade in diesen Tagen schwer nachvollziehbar erscheint, wird die BRD doch vornehmlich von christlichen Parteien (CDU/CSU) regiert. So gesehen ist die religiöse Bedeutung des Begriffs „Opfer“ ebenso wie deren rituelle Darbringung allgegenwärtig. Ruft man sich zusätzlich noch in Erinnerung, dass Menschen aus Sicht des Systems ebenfalls zur „Sache“ deklariert werden, erhält der letzte Satz dieses Abschnitts einen ekelhaften Beigeschmack. Um dies anhand eines Beispiels deutlicher zu machen sei an den tief religiösen Ex-Präsidenten der USA (G.W. Bush) erinnert, der nach einem bestimmten Muster seine Ganzopfer dem profanen „Gebrauch“ (do ut des) entzog, als er u.a. Gaddafi und Hussein unter der Verwendung des gleichen Prinzips meucheln lies.

Zweitens ist ein ethisches Bedeutungsfeld zu erkennen. Dabei geht es um eine durch persönlichen Verzicht mögliche Hingabe von etwas zugunsten eines anderen. Hier tritt der sinnliche Begriff zurück vor dem innerlichen und geistigen. Auch diese Art von Opfer wird (wie die erste Art) im Englischen als „sacrifice“ bezeichnet.

Die eindeutige Verwendung des Begriffs „Opfergaben“ wäre wohl zu heidnisch gewesen? Wenigstens wird der persönliche Verzicht erwähnt, wenn auch völlig unzureichend. Aber gerade das ist es Wert, etwas genauer hin zuschauen. Für gewöhnlich sind Opfergaben freiwillig und persönlicher Natur. Allgegenwärtig ist jedoch, dass das System ein rituelles Zwangsopfer (Steuern, Verzicht, Toleranz, Krieg), einem Freiwilligen vorzieht. Bei der Begriffserklärung das Englische heran zu ziehen ist eigentlich eine Frechheit, denn die sprachliche Simplifizierung lässt die Grenzen zwischen Opfergabe und Opferung verschwimmen und so ist dann alles nur noch „sacrifice“.

Drittens hat „Opfer“ auch ein semantisches Feld, in dem es darum geht, dass jemand durch jemanden oder durch etwas Schaden erleidet oder umkommt, etwa das „Opfer“ eines Verkehrsunfalls oder einer Lawine wird, oder dass Menschen „Opfer des Faschismus“ oder eines anderen gewalttätigen Regimes werden. Im Englischen werden Opfer der dritten Art als „victim“ bezeichnet.

Dieses Kauderwelsch hat weder eine traditionelle Bedeutung, noch erschließt sich daraus ein Zusammenhang zu den ersten beiden Erläuterungen. Es steht völlig losgelöst vom eigentlichen Sinn. Ein Unfall ist ein Unglück, im Krieg fallen Soldaten die bereit sind, sich aufzuopfern. Bei einem Verbrechen von Opfern zu reden obwohl es sich eher um Leidtragende (die das ihnen zugefügte Leid zu er/tragen haben) handelt, ist eigentlich sinnentstellt. Zumal sich ein völlig anderes Bild ergibt, wenn Leidtragende ihrer Last überdrüssig sind und selbst zu Tätern werden. Nun versucht uns Wikipedia diese Feinheiten unter einem diffusen Sammelbegriff zu verkaufen, indem Opfer der dritten Art mit dem englischen Überbegriff „victim“ abgetan werden.

Wer sind die Opfer des Systems?

Um diese Frage beantworten zu können muss vorausgesetzt werden dass ein System existiert, welches auch Opfer fordert. Und tatsächlich gibt es solch ein übergeordnetes System. Es ist der Kapitalismus mit seinen Subsystemen. Dieses Gesamtsystem kann aber nur existieren, wenn die ihm zugrunde liegenden Gesetze und Prinzipien eingehalten werden – Wachstumsprinzip. Erstaunlicherweise werden aus dieser wohl bekannten Erkenntnis keine Lehren gezogen. Wie auch(?), Wachstum ist schließlich alternativlos. Stattdessen wird dieses System genährt, geschützt, gewartet und sogar ausgebaut – und das innerhalb eines endlichen Systems, das wir Erde nennen. Unser täglich Einerlei lässt uns diese Tatsache nur allzu schnell vergessen und so passiert es, dass wir uns dazu hinreißen lassen in allen Opfern, Opfer der dritten Art zu sehen.

Aus Sicht des Systems ist das ist grundlegend falsch, denn an oberster Stelle der Hierarchie steht kein Mensch, sondern das System selbst. Es wurde zwar von Menschen erdacht, installiert und in Betrieb genommen aber von unvollkommenen Menschen kann keine Vollkommenheit und erst recht kein vollkommenes System erwartet werden. Unkontrollierbar wurde es, als sich auch die System-Designer (mit ihrem Wesen, ihrem Sein) dem System hingegeben, quasi auf/geopfert haben. Seitdem führt das System eine Art Eigenleben und fordert gemäß seiner „Natur“ beständig neue Opfer. Es lebt von der Opferbereitschaft und der Aufopferung all derer, die sich innerhalb des Systems befinden – also von allen. Dabei treten immer häufiger unliebsame Nebeneffekte auf, die einen Großteil der Menschen in Mitleidenschaft (mit-Leiden-schafft) ziehen. Nicht zu Unrecht werden diese als Opfer bezeichnet aber die Rückschlüsse auf die Verursacher zeugen von einem unzureichenden und zudem verzerrten Weltbild.

Ausnahmslos jeder Mensch ist ein Opfer des Systems. Sie unterscheiden sich zwar grundsätzlich in ihrer Leidensform, können aber aufgrund von Systemvorgaben, Ideologien aber auch falschen Idealvorstellungen nicht aus diesem circulus vitiosus heraus. Dazu müsste das System aufgegeben werden. Unbemerkt blieb bislang, dass das System mittlerweile eine Erzieher-Rolle übernommen hat. Damit erhält es sich selbst am Leben, braucht dafür aber auch beständig mehr Input durch seine Opfer. Wir bezeichnen das gemeinhin als Wachstum. Wohin ein immer währendes Wachstum führt, haben die System-Designer offenbar nicht beachtet und auch nicht, dass beständiges Wachstum immer mehr Opfer fordert. Es ist also keine Frage der persönlichen Opferbereitschaft sondern ein Prinzip, dem früher oder später jeder zum Opfer fällt.

Wer ist das System? Nicht wer, sondern was. Das System ist die Gottheit und Mammon, dessen Prophet. Diese Gottheit steht über allem und allen und offenbart in letzter Konsequenz, dass es keine Gewinner geben kann. Selbst ein Multimilliardär wie Soros ist ein Opfer des Systems. Er hat vergessen woher er kam, hat sich selbst vergessen (geopfert) und bietet dem System auch noch das Leben anderer, ihm völlig fremder Menschen, als Opfergabe an – als Kriegsbefürworter. Er hat sich damit vollständig dem System unterworfen und dient ihm auf eine unglaublich destruktive Weise. Die Schwächen dieses Systems sind aus seiner Perspektive viel besser zu erkennen, als für einen herkömmlichen Politiker oder gar aus der Bevölkerung möglich ist. In der Annahme, dass sein Risiko kalkulierbar sei übersieht er jedoch das Risiko für das Gesamtsystem. Das führt zwangsläufig zu Kollisionen innerhalb des Systems. Dadurch steigt aber die Fehleranfälligkeit und in deren Folge nehmen auch die Kollisionen innerhalb des Gesamtsystems zu. Da aber alles miteinander verbunden ist, interagiert, ist es relativ einleuchtend, dass eine Anhäufung von Systemfehlern auch grundlegende Systemfunktionen in Mitleidenschaft zieht – bis sich das Gesamtsystem am Ende selbst zerstört.

MfG
Wanderer

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3 Gedanken zu „Die Opfer des Systems

  1. Vielleicht erläutern Sie mir, was Sie unter Kapitalismus verstehen. Ich jedenfalls kann da in D nur noch Spurenelemente von finden. Vieleicht können Sie mir ja auch erläutern wie es im Kapitalismus Opfer geben kann. Ich gehe davon aus Kapitalismus meint freien Warentausch zwischen 2 Teilnehmern. Warum einer davon ein Opfer sein sollte, kann ich nicht erkennen.

    Ich kann wohl Opfer erkennen den erzwungende „soziale Gerechtigkeit“ fordert. Denn dort ist ja Gerechtigkeit was die Mehrzahl an Parlamentariern beschließt. Vielleicht können Sie mir dann erläutern warum es sozial gerecht ist einem Durchschnittslohnverdiener mehr als 50 % abzunehmen.

    Ich denke Sie werden es mit den Erklärungen schwer haben, aber vielleicht fällt Ihnen ja ein „eleganter“ Schachzug ein.

    • Ich kann jede Menge Opfer sehen. Schon die Kriege vergessen? Oder glauben sie, die werden aus einer Laune heraus geführt? Was ist mit dem radioaktivem Sondermüll, der überall auf und unter der Erde verteilt ist – Hinterlassenschaften von gierigen Stromversorgern? Abholzug des Regenwaldes – kein Artensterben dort zu verzeichnen? Was ist mit dem weltweiten Leid, das durch die westliche Industrie erzeugt wird? Was ist mit den zehntausdenden Hungertoten täglich? Wie weit denken sie?

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