Marlen Hobrack über PEGIDAs Schweigen – eine Kritik

derfreitag.de hat einen bemerkenswerten Artikel über PEGIDA veröffentlicht. Bemerkenswert deshalb, weil darin nicht nur Äpfel mit Birnen verglichen werden sondern vor allem eine gewisse Naivität sichtbar wird, die einem vorgefertigten Meinungs-Schema der Mainstream-Medien zugrunde liegt. Der Artikel wirkt etwas steif und von oben herab. Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe sähe etwas anders aus. Aber zumindest der Titel klingt vielversprechend. „Warum wir PEGIDAS Schweigen zuhören sollten, heißt es da. Obwohl schon diese Herangehensweise grundsätzlich falsch ist, denn die Bewegung entsprang einer Art Schwarmbewusstsein. Es ist eine heterogene Bewegung, die lediglich einem Impuls folgt. PEGIDA ist keine Partei und hat somit auch keine Vertreter, mit denen irgend ein fauler Kompromiss ausgehandelt werden kann. Diese Tatsache aus einem politisch-korrektem Parteienpferch mit Schubladensystem heraus verstehen zu wollen, klingt naiv. Zumal es nur eine Lösung zu geben scheint. Betrachten wir uns einige Auszüge daraus etwas genauer.

In Hinblick auf Pegida scheint mir diese Metaebene besonders interessant. Zumal man, wie ich zu zeigen versuchen werde, das Phänomen Pegida besser versteht, wenn man den Diskurs über Pegida versteht.

Diese Herangehensweise ist zwar löblich, kann aber auf Grund der bereits oben genannten und somit anhängigen Faktoren zur Meinungsbildung gar nicht Wert- und/oder Meinungsfrei sein – wie wir in der Folge auch noch sehen werden. Die darauf folgende Erklärbärung kann man sich eigentlich ersparen, wenn darauf nicht die Verständnisgrundlage der Autorin aufgebaut wäre. Und an dieser Stelle wird recht deutlich, wie aus falschen Voraussetzungen fehlerhafte Annahmen entstehen, aus denen dann falsche Schlussfolgerungen gezogen werden. Frau Marlen Hobrack begreift PEGIDA nicht als logische Konsequenz einer vernachlässigten, geplünderten und verachteten Bevölkerung sondern versucht darin eine entartete und daher zu bekämpfende Bewegung zu sehen. Das offenbart sich besonders im nächsten Absatz.

Was dabei alle Seiten des politischen Spektrums vergessen: Schon die Annahme, alle Pegida-Anhänger seien dumm und ungebildet, ist letztlich nicht mehr als Ressentiment. Und genau dieses macht die intellektuelle Auseinandersetzung mit Pegida scheinbar unnötig – und unmöglich. Genau hierin besteht das Problem: Der Widerstand gegen Pegida versucht gar nicht erst, Pegida zu verstehen, weil er Pegida-Anhänger als nicht intelligibel, und vielmehr von dumpfen, diffusen Ängsten geplagt, begreift. Wer Pegida nicht versteht, kann Pegida nicht bekämpfen.

Wir sehen, dass PEGIDA aus der Sicht des politischen Spektrums betrachtet wird und nicht das soziale Wesen der PEGIDAner. Und so passiert es, dass sich Widerstand gegen eine Bewegung bildet, obwohl sich viele Kritikpunkte der Protestler durchaus mit den Widerstandsbewegungen der Parteienwelt decken – einzig die Intentionen unterscheiden sich. Das völlige Unverständnis beweist die Autorin schließlich mit einer Bemerkung, die jegliche Konsens unmöglich macht. Es geht ihr nämlich darum, die Bewegung zu bekämpfen und nicht die Ursachen, die sie erst entstehen ließ. Bar dieser Tatsache kann im weiteren Verlauf des Artikels jegliche Bemühung um Verständnis für die PEGIDAner durchaus als Heuchelei verstanden werden. Interessant ist aber auch, dass nicht etwa von der politischen Führung Rechenschaft erwartet wird, denn die politischen Entscheidungen sind nach Ansicht der Autorin legitim, sondern von den Gegnern des politischen Systems, die eben diese politischen Entscheidungen und die Selbstbereicherungsmentalität des Establishments satt haben. PEGIDA ist eine politisch motivierte aber keine politische Bewegung und ich will hoffen, dass das so bleibt. Die nächste Überschrift „PEGIDA legt den Finger in die Wunde“ lässt auf mehr hoffen aber auch in den darauf folgenden Absätzen legt die Autorin konsequentes Nichtverstehen an den Tag, überzogen mit einen Hauch Überheblichkeit.

Hier nun sind wir beim spannendsten Teil der Pegida-Diskussion angekommen. Egal, ob es um Ausländer, Gender-Mainstreaming, den Ukraine-Konflikt oder „Kriegstreiberei gegen Russland“ geht: Pegida und andere Gruppierungen behaupten einen Meinungsmainstream, der bestimmte Meinungen ausklammert.

Frau Marlen Hobrack setzt in diesem Absatz eine ausgewogene und informative Berichterstattung der etablierten Medien voraus, klagt aber nicht die Medien sondern die Kritiker der Berichterstattung an. Da verwundert es auch nicht, dass „Kriegstreiberei gegen Russland“ in Anführungszeichen steht. Im weiteren Verlauf erklärt uns die Autorin, das es eine Gesinnungshoheit geben muss und wer darüber definitiv nicht befinden darf..

Diese Lücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung besteht, seit es Meinungsmedien gibt. Die Lücke ergibt sich erstens daraus, dass nicht jeder Meinung machen kann, aber sehr wohl jeder eine Meinung hat (und sei es eben Indifferenz gegenüber bestimmten Themen). Zweitens aber resultiert sie daraus, dass Gesellschaft diese Filter braucht – sie muss nämlich eine Grenze ziehen zwischen dem, was gesagt werden darf, und dem, was unausgesprochen bleiben muss.

Am Ende der zweiten Seite wartet Frau Marlen Hobrack dann noch mit folgender Frage auf:

Wo oder wie können extremere Meinungen dann überhaupt noch öffentlich repräsentiert werden?

Angesichts der bereits weiter oben präsentierten Themen, auch das in den Anführungszeichen, muss sich der Leser eigentlich fragen wer wohl noch extremere Meinungen macht, als die Mainstream-Medien dies ohnehin schon tun? Du sollst Frühsexualisierung akzeptieren, Kriegstreiberei gegen Russland sowieso und gegen die Meinung des politischen Establishments darf schon gar niemand sein. Als braver Bürger hast du dir gefälligst dein politisches Spektrum auszusuchen und das Denken anderen zu überlassen – in etwa so, Frau Marlen Hobrack? Aber damit ist noch nicht alles gesagt, schließlich fehlt noch die richtige Würze in Form von Ressentiments. Unter der Überschrift „Pediga macht sichtbar, was wir nicht sehen wollen“ geht die Analyse der Bewegung gänzlich in die Hose.

Ich habe oben gesagt, dass solche Meinungen, die der öffentlichen Meinung widersprechen, sehr wohl geäußert werden – jedoch im nicht-öffentlichen Rahmen. Die Tatsache, dass in Form von Pegida und anderen ähnlichen Vereinigungen Meinungen öffentlich repräsentiert werden, die die meisten Menschen der Mitte als „radikal“ einstufen würden, kann also zweierlei bedeuten: Entweder erscheinen diese Haltungen vielen Menschen als bei weitem nicht so radikal, wie sie die veröffentlichte Meinung einstuft. Eben deshalb, weil sie sich mit gängigen und akzeptierten Ressentiments gerade auch der Mittelschicht decken.

Sie resümiert, dass „wir“ (also die Mitte, von der sie ausgeht) nicht sehen wollen, dass PEGIDA ein rassistischer, dem Extremismus verfallener Haufen einer, noch in Teilen vorhandenen Mittelschicht ist. Sie verweist also nicht auf ihre eigene Unfähigkeit, die Tatsachen nicht sehen zu können, sondern verweist auf eine Angriffsfläche gegen die Bewegung, die sie als Gefahr und nicht als Heilung für ein völlig aus dem Ruder gelaufenem System sieht.

Im Grunde genommen müssen wir daher dankbar sein für das Sichtbar-Werden bestimmter Meinungen, die eine Gefahr für das friedliche und tolerante Zusammenleben in diesem Land darstellen.

Nun sollte auch klar sein warum Frau Marlen Hobrack dafür ist, dem Schweigen PEGIDAs zu lauschen. Kenne deine Feinde…

MfG
Wanderer

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4 Gedanken zu „Marlen Hobrack über PEGIDAs Schweigen – eine Kritik

  1. Habe den ganzen Artikel heute morgen schon gelesen und kann Ihnen hier in weiten Teilen nur zustimmen. Das pseudoliberale paternalisierende Klugmenschentum soll hier den bisher reaktionären Ton der „Rechtsdiffamierung“ auflockern, ohne den Tenor dabei zu verändern.

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