Selbst(st)ändigkeit oder ABM in Selbstverwaltung?

Die unterschiedliche Schreibweise lässt schon erahnen, in welchem Kontext die berufliche Unabhängigkeit zu sehen ist. Ständig selbst Hand anlegen zu müssen oder dem Stand der Unternehmer anzugehören, sind wie zwei verschiedene Paar Schuhe – eines aus dem Low-Budget Bereich und eines maßgeschneidert vom Schuster. Die Voraussetzungen allein entscheiden, ob die Existenzgründung (was für ein Unwort) im Nachgang erfolgreich oder lediglich eine Arbeitsbeschaffungs- und Selbstverwaltungsmaßnahme ist, oft nicht weit entfernt vom wirtschaftlichen Ruin. Dass der Begriff Selbst-Ständig einen eigenen Stand definiert, geht sogar in der seitenlangen Definition bei Wikipedia unter. Interessant an dieser Stelle ist, dass als Definition von Selbstständigkeit nicht per se das eigenständig verantwortliche Handeln gilt, sondern „im Sinne“ des §7 Abs. 1, aus dem SGB IV hergeleitet wird. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Der Weg in die Selbstständigkeit wird jedoch in einem Land der begrenzten Möglichkeiten, wie beispielsweise der BRD, nicht selten zu einem Spießrutenlauf. Allein die Anforderungen für Aufnahme und Ausübung einer unabhängigen Erwerbstätigkeit sind so hoch, dass das eigentliche Kerngeschäft zur Nebensache mutiert. Ich weiss nicht wer für die Errichtung dieser Hürden verantwortlich ist, aber ich weiss, dass sich aus einem, vom Steuerzahler finanzierten Sessel gut furzen lässt. Das Ergebnis ist dann laue Luft und Gesetze, die zum Himmel stinken. Aber das kennen wir nicht anders von den hauptberuflichen Nebenverdienstlern. Während sich auf der einen Seite Kreativität und Motivation zu einem Potential gefügt haben das darauf lauert, endlich mit der Verwirklichung von Ideen zu beginnen, wird auf der anderen Seite an einem Kurzschluss gebastelt – selbstverständlich mit höchster Kompetenz *hust.

Die Wirklichkeit sieht eher so aus, dass wohl der überwiegende Teil von Klein- und Kleinstunternehmern für sehr viel weniger, sehr viel länger schuften und die sehr viel besser bezahlten Peiniger vom kargen Einkommen mit finanzieren muss. Umgangssprachlich nennt man das „EINE FRECHHEIT“. Aber sei es drum, für diese Selb!ständigen wurden die Gesetze so ausgelegt, wie sie eben sind. Die Statistiken zeigen zwar immer schöne Zahlen für Gewerbeanmeldungen, was sich jedoch dahinter verbirgt sind gänzlich andere Strukturen als das, wonach es aussieht. Heutige Geschäftsmodelle beruhen zum größten Teil auf ökonomisch-betriebswirtschaftliche Konzepte, weniger auf Innovation. Wir alle kennen diese Geschäftsmodelle – oder zumindest ihre Produkte. Scheren die nicht schneiden, Kartoffelstampfer die nicht stampfen, sämtliche Artikel aus dem Teleshopping und nicht zu vergessen, die „Kaffeefahrten“. Solche Konzepte mögen zwar betriebswirtschaftlich richtig sein, volkswirtschaftlich sinnvoll, ökologisch oder gar nachhaltig im Sinne knapper Ressourcen sind sie nicht.

Ein ganz besonderes Beispiel dafür liefert uns Herr Müllermilch. Sein Erfolgskonzept gründet (vordergründig) auf einem ziemlich einfachen Rezept, wobei je nach Geschmack Kakao in Milch eingerührt wird. Damit das nicht so auffällt, nutzt Herr Müllermilch das umgekehrte Prinzip dieses Rezeptes, indem nicht Kakao zur Milch, sondern Milch zum Kakao gegeben wird. Das Gesöff ist eigentlich eine Beleidigung für Geschmacksnerven. Aber Geschmack spielt bei der Vermarktung keine Rolle, weil Herr Müllermilch konzeptionell betriebs- und maktwirtschaftlich handelt. Was an Geschmack schon zuviel ist, übertrifft Herr Müllermilch mit, an Penetranz grenzender Aufdringlichkeit in der TV-Werbung – und suggeriert damit, Hipp zu sein, wie der gleichnamige Kollege. Ein Bekannter aus frühen Jahren sagte einmal in eigentümlichem deutsch: „Die können auch Scheiße verkaufen.“ Ich würde das nicht ganz so unverholen äußern bin aber der Meinung, dass er es damit genau auf den Punkt gebracht hat. Erfolgreich selbstständig zu sein steht also in einem direkten Zusammenhang mit einem Geschäftsmodell, auch wenn das Produkt nahezu ungenießbar ist.

Ich kenne sowohl Unternehmer als auch unternehmerische Selbstverwalter und kann daher bestätigen, dass die in der BRD vorherrschenden Gesetze einen Rahmen abstecken, der für die persönliche Entfaltung aus dem Nichts, zu eng ist. Nachkommen von Unternehmerfamilien haben dagegen gänzlich andere Voraussetzungen und fallen nicht selten, direkt von der Schule kommend, in Papis warmes Unternehmer-Nest. Unternehmersöhne die meinen, alles allein schaffen zu können, landen dabei nicht selten in einer, zum Untergang verurteilten Selbstverwaltungsmaßnahme – wie ihre Kollegen aus der Unterschicht.

Da ich an dieser Stelle schon die ebay- google- und Facebook-Apologeten aus dem Off höre, sei auch ihnen ein kleiner Absatz gewidmet. Zuckerberg hätte mit seiner Idee, denn mehr war es nicht, keinen Erfolg in der BRD gehabt und wäre wahrscheinlich nach dem Studium zu einem, in Teilezeit jobenden Nerd mutiert. Es gab auch schon Konzepte und Plattformen in der BRD, ähnlich ebay – nur lange davor. Diese Konzepte scheiterten an der deutschen Gesetzgebung, Einflussnahmen auf den Markt und selbstverständlich auch an der Politik. Wenn es nur um Wachstum ginge, wie stets so kaltschnäuzig gefordert wird, könnten ein paar sinnvolle Änderungen bestehender Gesetze genau das schaffen – obwohl eigentlich ein anderes Wirtschaftssystem vorzuziehen wäre. Aber darum geht es ganz offensichtlich nicht. Mit Wachstum werden lediglich global Player, Banken, Konsortien und ihre Derivate in Verbindung gebracht. Unsere Politik ist lediglich verantwortlich für die Vollzeitpflege dieser Krebspatienten.

Selbstverständlich will ich nicht behaupten, dass es generell unmöglich oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist, eine selbstständige Tätigkeit aufzunehmen und damit erfolgreich zu werden. Es gibt tatsächlich Bedingungen, die einen solchen Schritt begünstigen. Leider sind sie eher eine Ausnahme, als die Regel.

MfG
Wanderer

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