Von Prioritäten und Konsequenzen

Titanic
Bild: slate.com

Schlägt ein Schiff Leck und droht zu sinken, ist jedem an Bord klar was zu tun ist. 1. Alarm geben, 2. Notsignal senden, 3. Rettungsweste anlegen und 4. Beiboot zu Wasser lassen oder aber die Rettungsinsel aktivieren und dann die Weste anlegen. Wer diese Verfahrensweise nicht befolgt, läuft Gefahr zu ertrinken.

In unserem Gesellschaftssystem funktioniert alles ein wenig anders. 1. Alarm schlagen, 2. Gefahr leugnen, 3. Experten bestechen und dann öffentlich zum Thema befragen, 4. die Alarmierer verunglimpfen. Diese Vorgehensweise ist zwar idiotisch, aber üblich. Nun kann man diese Vorgehensweise noch weiter analysieren. Also bleiben wir beim Gleichnis mit dem Schiff.

Auf der einen Seite haben wir die Alarmierer, auf der anderen Seite die zu Alarmierenden und zwischen beiden steht ein dubioser Interessenvertreter mit einer, allen Passagieren unklaren Interessenlage . Die Alarmierer erkennen eine Gefahr und erfüllen ihre Pflicht, die Passagiere vor einem Schaden an Leib und Leben zu warnen. Der Interessenvertreter übernimmt die Schadensmeldung und arbeitet sie so um, dass die zu Alarmierenden allenfalls eine Kuriosität darin erkennen können. Besatzung und Passagiere, um die Unsinkbarkeit des Schiffes „wissend“, sehen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass alles in bester Ordnung sei und wenden sich wieder dem täglichen Einerlei zu. Allenfalls bei Tisch wird noch darüber gewitzelt, was diese „Verschwörungstheoretiker“ denn nun schon wieder von sich gegeben haben. Der Interessenvertreter, die Lage im Blick, begibt sich indes zum Kapitän und bietet ihm einen Posten auf einem anderen, größeren Schiff an. Als Gegenleistung aber, soll er eine Erklärung abgeben in der er jegliche Gefahr leugnet. Selbstverständlich wird noch schnell ein Platz im nächsten Rettungsboot gesichert.

Derweil läuft aber seitens der Alarmierer ein ganz anderer Film. Während die einen der Auffassung sind, genauere Untersuchungen über die Schadensursache vornehmen zu müssen, sind andere damit beschäftigt, den Schadensumfang zu bestimmen. Die nächste Gruppe sucht in den Konstruktionsunterlagen und Schiffbaugesetzen nach Fehlern und Fakten während wieder andere die Schuldfrage untersuchen.

Zur gleichen Zeit spielt sich am Heck des Schiffes etwas merkwürdiges ab. Still und heimlich wird ein Beiboot mit Proviant beladen und zu Wasser gelassen. Nur unklar ist zu erkennen, dass einige diffuse Gestalten das Rettungsboot besteigen, ablegen und nach wenigen Augenblicken hinter einem Nebelschleier verschwunden sind.

Kurz darauf ertönt ein Signal von der Brücke und der Kapitän erklärt über die Beschallungsanlage, dass alles in bester Ordnung sei. Das Schiff sei zwar Leck aber indem man immer mehr Wasser aus einem immer größer werdenden Leck wieder in den Ozean pumpe, wird man es schon zum nächsten Ufer schaffen – halleluja.

Während selbst schon die Ratten den Braten gerochen haben und das sinkende Schiff verlassen, diskutieren die Alarmierer immer noch mit den Passagieren, rechtfertigen sich und geraten schließlich in Streit. Statt jetzt die Passagiere in ihrem Glauben zu lassen und ihre eigene Haut zu retten, passiert nun etwas sehr seltsames. Die Alarmierer beginnen mit Überzeugungsarbeit. In dutzenden Redegruppen werden Tatsachen auf den Tisch gelegt und über Vor- und Nachteile einer Rettungsaktion diskutiert. Die Passagiere, von den Argumenten des Kapitäns und des Interessenvertreters zutiefst beeindruckt, erklären sich zu einem Kompromiss bereit. Wenn das Schiff wirklich sinken sollte, will man sich vorbereiten. Zu diesem Zweck werden alle an Bord befindlichen Gummistiefel zusammengetragen und verteilt. Dies schafft für alle ein gewisses Sicherheitsgefühl und man könne sich nicht vorwerfen lassen, nichts getan zu haben.

Das wohl Erstaunlichste aber ist, dass noch nicht ein einziges, weiteres Rettungsboot seit dem Verschwinden der diffusen Gestalten zu Wasser gelassen wurde. Statt dessen verkündet der Kapitän, den Schuldigen gefunden zu haben und Gegenmaßnahmen zu veranlassen. Eine weitere Pumpe soll unter Deck geschafft werden. Damit diese auch ordnungsgemäß ihre Arbeit verrichten kann, werden alle Passagiere gebeten – ausgenommen erster Klasse – ihre elektrischen Geräte auszuschalten, die Nahrungsaufnahme auf das Nötigste zu beschränken und im Interesse der Sicherheit aller, ihre Kabinen nicht zu verlassen. Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich mit sofortiger Erschießung geahndet. Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, jegliche Spekulation über Schadenshöhe, und Chancen zu unterlassen. Die Passagiere sind angewiesen, diese Störer sofort beim nächsten Besatzungsmitglied anzuzeigen. Im Übrigen sollen die Passagiere der oberen Decks froh sein, dass sie nicht zu den Passagieren der unteren Decks gehören. Die sind nämlich viel schlimmer dran und müssen ununterbrochen vor den eindringenden Wassermassen gerettet werden.

Derweil ist noch immer kein weiteres Rettungsboot im Wasser, schließlich wurde jegliche Aktion untersagt und selbst die Alarmierer halten sich an dieses Gebot. Allerdings sind sie, anders als die Passagiere, sich darüber im Klaren, dass das Schiff auf offener See sinken wird. Doch statt aktiv zu werden, die Besatzung in Schach zu halten und die Rettungsboote klar zu machen wird beschlossen, dass so eine Aktion der Rückendeckung durch die potentiellen Opfer bedarf – die übrigens immer noch glauben, dass alles in bester Ordnung sei.

Derweil hat der Kapitän die Marine informiert und um humanitäre Hilfe gebeten. Schließlich ist ertrinken ein ziemlich qualvoller Tod und man sollte die armen Schweine nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Statt dessen könnten doch Zielübungen auf bewegliche Ziele abgehalten werden, damit die Flotte im Falle weiterer Fälle auch wirklich gut trainiert ist.

Unterdessen dringt, aufgrund eines Wistleblowers aus der Besatzung, eine Nachricht bis zu den Passagieren vor in der es heißt, dass der Kapitän eines anderes Schiffes Hilfe angeboten hat und sich auf dem Weg befindet. Entrüstet wird dieses Angebot mit der Begründung abgelehnt, dass dieses Schiff unter einer anderen Flagge fahre. Die Kapitäne befreundeter Schiffe drücken derweil ihr Bedauern darüber aus, dass sie aufgrund von sehr eng gelegten Terminen, leider nicht zu Hilfe eilen können.

Aber es kommt noch verrückter. Ein paar Seemeilen weiter ist noch ein Schiff in Seenot geraten. Statt nun wenigstens den Kurs beizubehalten befiehlt der Kapitän, gutmenschlich wie er nun mal ist, Kurs auf das havarierte Schiff zu nehmen, um Schiffbrüchige aufzunehmen. Besatzung und Passagieren wird erklärt, dass es ihre verdammte Pflicht sei anderen zu helfen, auch wenn ihnen das Wasser selbst bis zum Halse steht. Für die Verbreitung dieser Ideologie winken schnuckelige Sachpreise, wie Einkaufsgutscheine, Rabatte für die nächste Fahrt auf diesem Schiff, eine Schale Obst mit viel weniger Schimmel, als die Anderen haben. Zusatzpreise gibt es außerdem für die besten Durchhalteparolen. Der erste Preis ist ein Platz ganz vorn am Bug – wegen der Aussicht.

Aber es kommt auch zu Protesten der Passagiere. Diese zweifeln die Kompetenz von Kapitän und Besatzung an. Daraufhin werden Wahlen beschlossen. Jeder Passagier darf nun abstimmen, wer der Kapitän sein soll. Zur Wahl stehen der Kapitän und die Putzfrau. Man wählt das vermeintlich kleinere Übel. Der Kapitän sieht sich bestätigt, muss aber, auf Druck der Allgemeinheit, die Posten der Besatzungsmitglieder neu verteilen. Der Steuermann wird nun Heizer, der Heizer wird Lotse, der Lotse wird Kaltmamsell und die Kaltmamsell wird Steuerfrau. Während den Passagieren aufgrund der neuen Besetzung das große Kotzen (GroKo) ankommt, werden neue Strategien auf der Brücke erarbeitet. Sollte vielleicht irgendwann ein sicherer Hafen in Sicht sein, soll als Sofortmaßnahme das Toilettenpapier aufgestockt werden. Um Standfestigkeit und Sicherheit nach außen zu demonstrieren wird vom ehemaligen Steuermann, nun Mitglied der Opposition, empfohlen, das Leck farbenfroh anzumalen. Dies soll ein Zeichen setzen, dass die Gefahr erkannt und unter Lebensgefahr abgewendet wurde. Der Vorschlag wird einstimmig angenommen. Die Beschlussfassung ist damit beendet und man zieht sich zum üppigen Buffet zurück – während die Passagiere vornehmlich Stulle mit Brot essen müssen.

Die Geschichte findet an dieser Stelle ein jähes Ende, weil der Autor diesen Schwachsinn nicht mehr länger ertragen kann. Und die Moral von der Geschicht‘, so etwas wie Moral, gibt es nicht.

…und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie es bald sein.

Wanderer

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8 Gedanken zu „Von Prioritäten und Konsequenzen

  1. DANKE !
    Allerbestens zusammengefaßt !
    und RM ist auch einfach GENIAL !
    Fühle mich fast schon wieder Über-Flug-Fähig !
    – Nein, smailii verkniffen. Paßt nicht.-
    Nur, welche LÖSUNG ist in Sicht ?!?
    Es muß doch irgendetwas geben außer „Geistiger“ Abgehobenheit.
    Ich kann leider noch nicht Geister-Flüge.
    Bin wohl doch zu sehr Tat-Mensch …
    … aber „riecht“ es nicht doch schon irgendwie nach „Mit-Mensch-in-Sicht“ … ?

    • Für Menschen wie dich, kleiner Nemo, kreise ich lange um die Unglücksstelle und tauche, wenn es sein muss, bis zur Erschöpfung, ins tiefe, kalte Nass.

      Kopf hoch, kleiner, großer Mann 😉

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