Die Endlichkeit des Unendlichen

unendlich
Bild: blog.1a-wandtattoos.de

Das neue Jahr ist schon wieder Alltag und eben dieser lädt zu einer neuen Runde im Hamsterrad unserer, nur durch stetes Wachstum überlebensfähigen, Gesellschaft ein. Motiviert durch die Neujahrsansprache unser aller Bundesmuddi, die zwar nichts konkretes, dafür aber jede Menge Worthülsen in reichlich „bla bla“ gehüllt, von sich gab, greift die treue Zahldrohne wie selbstverständlich zum Hammer, um sein Bestes für das Erreichen des Planziels – dem jährlichen Wirtschaftswachstum von 3% – zu erreichen. Schließlich muss man ja – und das geht auch, ohne über die eigenen Handlungen bzw. Ursache und Wirkung nachzudenken. Das würde schließlich bedeuten, den Kopf dafür zu benutzen wofür er ursprünglich vorgesehen war. Allen voran sind es die Erwachsenen, die reifen Mitmenschen. Also jene, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, die ihren Kindern beibringen und vorschreiben, wie sie sich innerhalb des Gesellschaftssystems zu verhalten haben. Es sind genau die Erwachsenen, die der größten Glaubensgemeinschaft in der westlichen Welt angehören, unerschütterlich in ihren Glaubensgrundsätzen, dass

– der Plapperkasten stets die Wahrheit verkündet
– die da oben schon alles richten werden
– man nichts gegen Armut, Leid und Kriege unternehmen kann
– man ohne Arbeit wertlos sei
– nichts unser Geldsystem erschüttern kann
– Parteien die Interessen der Bürger vertreten
– man nichts zu verbergen hat
– es keine Alternativen gibt
– es immer weiter so geht

Diese Ansichten zu vertreten und zu verteidigen erfordert schon einen ziemlich festen Glauben. Da selbst die stetig steigenden Ablasszahlungen mit Inbrunst geleistet werden, könnte man schon von religiösem Fanatismus sprechen. Wohl am beeindruckendsten ist der unerschütterliche Glaube daran, dass es immer so weiter gehen wird. Allen Naturgesetzen zum Trotz dem propagierten Wachstumswahn zu folgen – auch wenn er Krieg, Armut und Zerfall nach sich zieht – ist im wahrsten Sinne das Wortes, verrückt. Wachstum ist stets endlich. Jeder Grashalm „weiß“ das. Oh ja, die Menschen wissen das auch. Nur verlagert man das Ende des Wachstums gern an einen Zeitpunkt, der als „irgendwann“ bezeichnet wird. Fatal, denn „irgendwann“ kann in einem Jahrzehnt, einem Jahr, einem Monat oder schon morgen sein. Die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen und sich in seine Komfortzone zurück zu ziehen, hält die Dinge in ihrem Lauf nicht auf. Auch wenn sie „erst“ „irgendwann“ passieren. Ein wichtiger Aspekt, wenn nicht gar der Wichtigste überhaupt, wird gern übersehen. Obwohl wir uns scheinbar in der Zeit vorwärts bewegen, so tickt doch die Uhr der nahenden Ereignisse, wie auch die des Lebens, beständig rückwärts. Aber selbst nach Ablauf der Zeit – oder auch Frist – hält man lieber am Selbstbetrug fest und erklärt das Eintreten des Unabwendbaren mit Begriffen wie „plötzlich“ und „unerwartet“.

Was sollten wir nun daraus lernen? „Alles“ hat seine Zeit(spanne). In dieser Zeit kann sich „alles“ entfalten. Ist die Zeit(spanne) um, wird „alles“ zerfallen. Auch wenn diese Sichtweise ziemlich trivial erscheint, so soll an dieser Stelle ein, in diesem Zusammenhang stehender, wesentlicher Aspekt nicht ungenannt bleiben. Die Rede ist von der Qualität. Ein ehernes Naturgesetz ist das Gesetz des Stärkeren Organismus. Ungeachtet der Tatsache was wir darunter verstehen, vereinigt dieses Gesetz Prinzipien in sich, die nicht nur den Fortbestand sichern, sondern auch qualitativ höherwertige Nachkommen hervorbringen. Kurz gesagt, Klasse statt Masse. Die Missachtung dieses Gesetzes hat schwer wiegende Folgen. Schließlich stehen Qualität und Quantität in Konkurrenz zueinander – noch dazu in mehrfacher Hinsicht. Während Quantität stets Ansprüche stellt und immer mehr von allem fordert, setzt die Qualität auf Beständigkeit und Optimierung – was innerhalb endlicher Systeme durchaus verständlich ist.

Unter diesen Gesichtspunkten kann ein kapitalistisches Wirtschaftssystem maximal so lange überleben, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind. Es beruht auf Gewinnmaximierung (Quantität) und diese ist nicht mit Beständigkeit (Qualität) in Einklang zu bringen. Alle Predigten über ewiges Wachstum sind verlogen. Jegliche Art von Wachstum stößt an seine natürlichen Grenzen – ausnahmslos.

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3 Gedanken zu „Die Endlichkeit des Unendlichen

  1. Nur Natürliches kann wirklich „wachsen“.
    Müllberge wachsen auch, aber keiner käme auf die Idee, dies für natürlich oder gar wünschenswert zu halten.
    Echtes Wachstum generiert echten Mehrwert in Form von erhöhter Optionalität – für das köperlich wachsende Individuum, für die dergestalt wachsende Gemeinschaft oder für den wachsenden Geist etwa.
    Wenn Kapital „wächst“, dann wächst es wie ein regelloser Virus, der nach und nach alle Ressourcen des Körpers, den er befallen hat, für seine Interessen (die ja nie die des Körpers selbst sein können) in Beschlag nimmt oder lahm legt, kurz: er betreibt Raubbau, weil er auf Nachhaltigkeit nicht angewiesen ist.
    Und sollte ein Virus wie Ebola von einer derzeitigen Tödlichkeitsrate von ca. 30% auf 100% mutieren, dann würde es weder den Virus eines Besseren „belehren“, dass er alles Lebendige umbringt und damit auch seine eigene „Lebens“grundlage, noch würde es dem Virus tatsächlich ein Ende bereiten, denn er kann extrem lange ohne jegliches Leben überdauern und muss nur darauf warten, dass wieder irgendwo neues entsteht und irgendwann in seine Reichweite gelangt.
    Der Kapitalismus dieser viralen Form ist perfide genug, sein Wachstum insoweit anzupassen, dass der „WIrtskörper“ nicht ausstirbt, zumindest nicht so schnell und unkontrolliert, dass er nicht Zeit hätte die für sein Überleben nötigen Adaptionen vorzunehmen.
    Sind diese abgeschlossen, wird er den Wirtsköper ausgeblutet verlassen und fertig.

    3% Wachstum – tja, wenn es die Intelligenz wäre, oder die Bildung oder die Arbeitschancen oder die Gesundheit etc. dann – einverstanden.
    Aber 3% Wachstum nur auf den Konten der Finanzparasiten?
    Was geht das mich, uns an???
    Richtig: radikal gar nichts.

    Wenn mich ein Virus krank macht, werde ich mir Sorgen darüber machen, ob seine Wachstumsrate in mir nicht unter 3% fällt und ich nicht zu früh an ihm krepiere, damit er sein Auskommen und Überleben sichern konnte?!?

    Nur gehirnamputierte Schmocks salbadern von einem „unbedingt notwendigen Wirtschaftswachstum“.
    Genauso gut könnte man sich darüber aufregen, dass die Erde nicht jedes Jahr 3% schneller um die Sonne kreist, weil wir sonst womöglich den Anschluss an das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstrasse verlieren oder so….

  2. Sehr guter Artikel. Allein unser Glaube an eine lineare Entwicklung der Gesellschaft – es geht immer so weiter – provoziert ihren Zerfall. Was macht man bloß, wenn ein Sonnensturm kommt, ein Supervulkan ausbricht oder eine echte Pandemie den Kontinent überschwemmt? Hat mir doch erst gestern jemand gesagt, ich sei ein Schwarzmaler – irgendwie wäre es schließlich immer weitergegangen. Recht hatte der Junge, ich konnte ihm nichts Brauchbares entgegenhalten.

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