Eine wahre Geschichte

altes haus
Bild: neustadt-ticker.de

In meiner Kindheit wohnte eine Einsiedlerin in unserer direkten Nachbarschaft. Sie schottete sich von allen Menschen ab und teilte ihr Dasein mit geschätzten 30 Katzen. Daher nannten sie alle, die Katzenmutter. Sie hatte keine Verwandten, keine Freunde, keine Kontakte zu irgendwelchen Menschen. Sie grüßte nicht, antwortete nie, wenn sie des Weges zog und hielt stets den Blick nach unten gerichtet. Wir ließen sie so sein wie sie ist. Es gab keine Feindschaften und es wurde auch nicht schlecht über sie geredet.

Eines Tages verstarb sie und niemand von uns merkte es. Einige Tage später wurde sie gefunden, offenbar dem Hinweis einer Verkäuferin folgend, die ihre Gewohnheiten kannte. Das Haus der Katzenmutter verwaiste dann und wucherte zu. Niemand von uns wagte zu diesem Zeitpunkt einen Schritt hinein. Viele Monate später kam eine Abrisskolonne und riss dieses Haus ein, allerdings ohne den Schutt zu beseitigen. Für uns Kinder war das ein Zeichen und natürlich musste dieser neue Spielplatz erobert werden. Bei unseren Erkundungen durch die Trümmer des Hauses stießen wir jedoch auf etwas sehr bemerkenswertes. Offenbar führte die alte Frau so etwas ähnliches wie ein Tagebuch, nur das dieses Tagebuch auf losen DIN A4 Seiten in dutzenden Reisetaschen steckte. Eine schier endlose Flut an beschriebenen Blättern.

Neugierig wie wir waren begannen wir zu lesen. Das Meiste davon war für uns unverständlich. Aber offenbar ging es um Menschen. Es stellte sich heraus, dass sie einst Lehrerin war, über einen enormen Wissensschatz verfügte und außerordentliche Menschenkenntnis besaß. Sie schrieb über jeden, den sie in ihrem Leben je getroffen hatte, nannte Namen und Begebenheiten und sie schrieb über die Charaktäre jedes Einzelnen. Was uns aber am meisten erstaunte war die Tatsache, das diese alte Frau so viel Erfahrungen besaß und so viel Wissen, doch nichts davon teilte oder gar anwendete. Immerhin waren wir lange Jahre Nachbarn…

Diese Frau hätte uns allen wertvolle Weisheiten mitteilen können, hätte selbst im hohen Alter ihre Erfahrungen weiter geben können, hätte, hätte, hätte… Sie traf jedoch eine andere Entscheidung. Noch heute denke ich manchmal an die Katzenmutter und frage mich, wieviel Weisheit da draußen in der Welt im verborgenen liegt, weil ihre Besitzer sich entschlossen haben, sie nicht zu teilen. Welch ein unbezahlbarer Verlust für uns alle…

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